Pflegegrade: Alle Infos zu den neuen Regelungen!

Leistungsrechtliche Gleichstellung durch das Pflegestärkungsgesetz II

Pflegegrade statt Pflegestufen:
 

In der Vergangenheit durften die Pflegekassen nur bei körperlichen Erkrankungen und dementsprechend notwendigen Pflegehilfen bei Körperpflege, Ernährung und Bewegung die Pflegestufen 1, 2 oder 3 und die damit verbundenen Pflegeleistungen genehmigen.

Ab 2017 werden Pflegebedürftige und Menschen mit eingeschränkter Alltagskompetenz wie Demenzkranke, längerfristig psychisch Erkrankte oder geistig Behinderte je nach ihrer noch vorhandenen Selbstständigkeit in fünf Pflegegrade 1, 2, 3, 4 und 5 eingestuft und enthalten entsprechende Leistungen aus der Pflegeversicherung. 

Somit haben demenzkranke und körperlich Pflegebedürftige, die den gleichen Pflegegrad erhalten und somit ähnlich selbstständig oder unselbstständig eingeschätzt werden, den gleichen Anspruch auf Leistungen ihrer Pflegekassen. 

 

Neue Pflegegrade und Pflegesachleistungen 

Pflegegrad 1:
 
Monatlich 125 Euro als Kostenerstattung für Betreuungs- und Entlastungsleistungen sowie monatlich 40 Euro für die Versorgung mit Pflegehilfsmitteln zum Verbrauch stehen den noch weitgehend selbstständigen, geringfügig Pflegebedürftigen mit Pflegegrad I ab 2017 zu.

Ansonsten erhalten sie keine Pflegesachleistungen für häusliche Pflege durch einen Pflegedienst und müssen die Kosten selbst tragen. Nur Leistungen als Bewohner ambulant betreuter Wohngruppen, Pflegehilfsmittel und Zuschüsse zur altersgerechten Wohnraumgestaltung (bis zu 4.000 Euro) sowie zwei kostenlose Beratungsbesuche pro Jahr stehen ihnen zu.

 

 

Pflegegrade 2 bis 5:
 

Pflege- und Betreuungsbedürftige mit den Pflegegraden 2 bis 5 haben monatlichen Anspruch auf Pflegesachleistungen für die Pflege durch einen häuslichen Pflegedienst oder die ambulante Versorgung in einer Einrichtung für Tagespflege oder Nachtpflege.

Die neuen Sätze für Pflegesachleistungen ab 2017:

Pflegegrad 2 689 Euro
Pflegegrad 3 1.298 Euro
Pflegegrad 4 1.612 Euro
Pflegegrad 5 1.995 Euro

 

Auswirkungen der Umstellung auf die monatlichen Pflegesachleistungen

Für viele eine Verbesserung
 
Pflegestufe / Pflegesachleistung 2016 Pflegegrad / Pflegesachleistung ab 2017 Unterschied Pflegestufe / Pflegegrad
„Pflegestufe 0“ (nur Demenz):
231 Euro
Pflegegrad 2:
689 Euro
Erhöhung um 458 Euro
Pflegestufe 1:
468 Euro
Pflegegrad 2:
689 Euro
Erhöhung um 221 Euro
Pflegestufe 2:
1.144 Euro
Pflegegrad 3:
1.298 Euro
Erhöhung um 154 Euro
Pflegestufe 3:
1.612 Euro
Pflegegrad 4:
1.612 Euro
Kein Unterschied
Härtefall mit Pflegestufe 3: 1.995 Euro Pflegegrad 5:
1.995 Euro
Kein Unterschied
 

Neue Pflegegrade und Pflegegeld

Mehr Hilfe für Demenzkranke 
 

Pflegebedürftige der Pflegegrade 2 bis 5 können anstelle dieser Pflegesachleistungen bei Versorgung durch einen ambulanten Pflegedienst auch Pflegegeld bei häuslicher Pflege durch Angehörige, Freunde Bekannte beantragen

Wesentliche Neuerungen:

Da Demenzkranken mit „Pflegestufe 0“ der Pflegegrad 2 zuerkannt wird, steigt ihr monatliches Pflegegeld ab 2017 erheblich, nämlich auf 316 Euro.

Außerdem erhalten die recht wenigen Härtefälle mit Pflegestufe 3 (künftig Pflegegrad 5), die zu Hause von Angehörigen versorgt werden, dann erstmals ein Pflegegeld von 901 Euro.

Die neuen Leistungssätze für das monatliche Pflegegeld:

Pflegegrad 2 316 Euro
Pflegegrad 3 545 Euro
Pflegegrad 4:  728 Euro
Pflegegrad 5: 901 Euro
 

Die Überleitung von Pflegestufe zu Pflegegrad bei bereits anerkannter Pflegebedürftigkeit

Automatische Überleitung 
 

Wer 2016 bereits eine anerkannte körperliche Pflegebedürftigkeit hat (Stufe 1, 2 oder 3), und wer eine 2016 bereits eingeschränkte Alltagskompetenz (sog. „Pflegestufe 0“) hat, wird 2017 nicht erneut begutachtet. Dafür sorgt der sog. Bestandsschutz. Die Umwandlung der Pflegestufen in Pflegegrade erfolgt auf Basis eines gesetzlich geregelten Systems, das neben der vorhandenen Pflegestufe auch von der eingeschränkten Alltagskompetenz abhängt.

Entsprechend der folgenden Tabelle werden anerkannte Pflegestufen dann automatisch in die neuen Pflegegrade umgewandelt.

Pflegestufe Pflegegrad
bisher nicht vorgesehen 1
Pflegestufe 0 und Pflegestufe 1 2
Pflegestufe 1 mit e.A. und Pflegestufe 2 3
Pflegestufe 2 mit e.A. und Pflegestufe 3 4
Pflegestufe 3 mit e.A. und Pflegestufe 3 mit Härtefall 5

Beispiel 1: Ein Pflegebedürftiger erhält bei Pflegestufe 2 den Pflegegrad 3.

Beispiel 2: Pflegebedürftige mit Demenz werden automatisch von ihrer bisherigen Pflegestufe den zwei Stufen höheren Pflegegrad zugeordnet (beispielsweise von Pflegestufe 2 in Pflegegrad 4).

 

Die Ermittlung von Pflegegrad bei neuen Anträgen

Medizinische Dienste
 

Wer 2017 erstmals einen Antrag auf Pflegegrad bei seiner Pflegekasse stellt, wird ab 2017 nach dem neuen Prüfverfahren NBA („Neues Begutachtungsassessment“) persönlich begutachtet. Gutachter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung (MDK) und anderer Dienste bei gesetzlich Versicherten oder die Medicproof GmbH bei privat Versicherten ermitteln den Grad ihrer noch vorhandenen Selbstständigkeit und empfehlen ggf. einen Pflegegrad, in den der Versicherte eingestuft werden sollte.

Letztlich entscheidet die Pflegekasse des Antragstellers über die Genehmigung eines Pflegegrades und der damit verbundenen Pflegeleistungen.

 

Das Neue Begutachtungsverfahren NBA

Bewertung nach Punkten
 

Wie selbstständig ein Antragsteller ist, errechnen die entsprechenden Gutachter mit dem neuen Begutachtungsinstrument NBA, einem Punktesystem:

Je mehr Punkte der Begutachtete erhält, einen umso höheren Pflegegrad und umso mehr Pflege- und Betreuungsleistungen genehmigt seine Pflegekasse!

Pflegegrade und Punktezahlen:

Pflegegrad 1: Geringe Beeinträchtigung der Selbständigkeit (12,5 bis unter 27 Punkte)

Pflegegrad 2: Erhebliche Beeinträchtigung der Selbständigkeit (27 bis unter 47,5 Punkte)

Pflegegrad 3: Schwere Beeinträchtigung der Selbständigkeit (47,5 bis unter 70 Punkte)

Pflegegrad 4: Schwerste Beeinträchtigung der Selbständigkeit (70 bis unter 90 Punkte)

Pflegegrad 5: Schwerste Beeinträchtigung der Selbstständigkeit mit besonderen Anforderungen an die pflegerische Versorgung (90 bis 100 Punkte).

Pflegebedürftige, die bisherigen Härtefälle mit Pflegestufe 3, die einen „spezifischen, außergewöhnlich hohen Hilfebedarf mit besonderen Anforderungen an die Pflegeversorgung“ haben, können Pflegegrad 5 erhalten, auch wenn sie die dafür notwendige Mindestzahl von 90 Punkten bei der Begutachtung nicht erreicht haben.

 
Berechnung in Modulen
 
Ausschlaggebend für die Zuweisung eines Pflegegrades wird künftig der Grad der Selbstständigkeit einer Person in folgenden sechs Bereichen sein:
 
Modul 1: Mobilität (10 %)
 
Positionswechsel im Bett, stabile Sitzposition halten, Aufstehen aus sitzender Position und Umsetzen, Fortbewegen innerhalb des Wohnbereiches und Treppensteigen.
 
Modul 2: Kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Modul 2 und 3 ergeben zusammen 15  %)
 

Personen aus dem näheren Umfeld erkennen, örtliche Orientierung, zeitliche Orientierung, Gedächtnis, Alltagshandlungen in mehreren Schritten wie die Haushaltsführung ausführen oder steuern, Entscheidungen im Alltagsleben treffen, Sachverhalte und Informationen verstehen, Risiken und Gefahren erkennen, elementare Bedürfnisse mitteilen, Aufforderungen verstehen, sich an einem Gespräch beteiligen.

 
Modul 3: Verhaltensweisen und psychische Problemlagen
 
Motorisch geprägte Verhaltensauffälligkeiten, nächtliche Unruhe, selbstschädigendes und autoaggressives Verhalten, Beschädigung von Gegenständen, physisch aggressives Verhalten gegenüber anderen Personen, verbale Aggression, andere vokale Auffälligkeiten, Abwehr pflegerischer oder anderer unterstützender Maßnahmen, Wahnvorstellungen, Sinnestäuschungen, Ängste, Antriebslosigkeit, depressive Stimmungslage, sozial inadäquate Verhaltensweisen, sonstige inadäquate Handlungen.
 
Modul 4: Selbstversorgung
(40 %)
 
 
Körperpflege (vorderen Oberkörper waschen, rasieren, kämmen, Zahnpflege, Prothesenreinigung, Intimbereich waschen, duschen oder baden – einschließlich Haare waschen), An- und Auskleiden (Oberkörper an- und auskleiden, Unterkörper an- und auskleiden), Ernährung (Essen mundgerecht zubereiten/Getränke eingießen, Essen, Trinken), Ausscheiden (Toilette oder Toilettenstuhl benutzen, Folgen einer Harninkontinenz bewältigen sowie Umgang mit Dauerkatheter und Urostoma, Folgen einer Stuhlinkontinenz bewältigen sowie Umgang mit Stoma), Bestehen gravierender Probleme bei der Nahrungsaufnahme, die einen außergewöhnlich pflegeintensiven Hilfebedarf im Bereich der Ernährung auslösen (nur bei Kindern von 0-18 Monaten).
 
Modul 5: Bewältigung von und selbständiger Umgang mit krankheits- oder therapiebedingten Anforderungen und Belastungen  in Bezug auf: (20 %)
 
 Medikation, Injektionen, Versorgung intravenöser Zugänge, Absaugen oder Sauerstoffgabe, Einreibungen, Kälte- und Wärmeanwendungen, Messung und Deutung von Körperzuständen, körpernahe Hilfsmittel, Verbandswechsel und Wundversorgung, Wundversorgung bei Stoma, regelmäßige Einmal-Katheterisierung, Nutzung von Abführmethoden, Therapiemaßnahmen in häuslicher Umgebung, zeit- und technikintensive Maßnahmen in häuslicher Umgebung, Arztbesuche, Besuch anderer medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen, zeitlich ausgedehnter Besuch medizinischer oder therapeutischer Einrichtungen und Besuch von Einrichtungen zur Durchführung von Frühförderung (nur bei Kindern).
 
Modul 6: Gestaltung des Alltagslebens und sozialer Kontakte (15 %)
 
 Tagesablauf gestalten und an Veränderungen anpassen, Ruhen und Schlafen, sich beschäftigen, in die Zukunft gerichtete Planungen vornehmen, Interaktion mit Personen im direkten Kontakt und Kontaktpflege zu Personen außerhalb des direkten Umfeldes.
 
Zusätzlicher Gestaltungsspielraum
 
Neben den sechs beschriebenen Modulen kommen noch zwei weitere Bereiche zur Bewertung:
 
Außerhäusliche Aktivitäten (7) und Haushaltsführung (8).
 
Diese beiden Module werden jedoch für die Einstufung der Pflegebedürftigkeit herangezogen, sondern sollen v. a. Pflegekräften eine individuellere Pflegeplanung ermöglichen. 
 

 

 

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